Lesetagebuch

Sommer 2010

Im Mai und Juni habe ich Unendlicher Spaß zu Ende gelesen. Insgesamt hat mich dieser Roman ein halbes Jahr begleitet. Die Novelle Das wilde Kind von T.C. Boyle hat mich wiederum nur auf einigen Busfahrten begleitet. Darüber hinaus vergnüge ich mich seit Monaten schon vor dem Einschlafen mit David Lynch, der im Interviewbuch Lynch über Lynch viel über sich und seine Filme erzählt. Und inzwischen habe ich begonnen, Roberto Bolaños 2666 nicht nur zu lesen, sondern wie ein gefräßiges Tier, das nie genug bekommen kann, zu verschlingen.

 

Zuerst und abschließend zu Unendlicher Spaß Die Frage, die man oft beantworten muss, lautet:
„Und, war es ein unendlicher Spaß, dieses Buch zu lesen?“
Meine Antwort nach 1545 Seiten inklusive Fußnoten, durch die ich mich durchgearbeitet habe, ist ein unmissverständliches: Nein. David Foster Wallace ist mit Sicherheit das, was man ein Genie nennt. Ich habe überhaupt noch nie einen Text gelesen, in dem auf solch unerreichtem Niveau Sätze aneinandergereiht werden, von denen jeder einzelne einem Kunstwerk gleicht. Sätze, an deren Wortakrobatik man sich erfreuen kann.
Aber wenn man sich für das Leben der beiden Protagonisten Hal und Gately nicht so richtig interessieren mag, weil man sie dafür auch zu oft aus den Augen verliert und weil man nie weiß, was sie wirklich wollen, ist der Stil irgendwann einfach nur noch ermüdend.
Daran ändern auch die vielen Episoden nichts, die man problemlos als in sich abgeschlossene Geschichten in einem Erzählband veröffentlichen könnte. Zum Beispiel ist die Geschichte (in Fußnote 269 auf den Seiten 1502ff) über die Jungs, die viel zu spät merken, dass sich an der Stoßstange des Autos, mit dem sie gerade unterwegs sind, ein angeleinter Hund befindet, einfach grandios.
Unendlicher Spaß ist von der Kritik gefeiert worden. Ich mag in diesen Chor nicht einstimmen. Die Lektüre war am Ende (und das, was ich mit „Ende“ meine, entspricht dem Umfang eines herkömmlichen Romans) wie die letzten zehn Kilometer eines Marathonlaufs. Man läuft und läuft und läuft, obwohl man keine Lust mehr hat und einem alles weh tut. Man will aber ins Ziel kommen. Und wenn man es geschafft hat, ist man recht erschöpft.

Im Vergleich dazu hat sich die Novelle

Das wilde Kind

von T.C. Boyle in einem Rutsch runterlesen lassen. Aber das hatte ich auch nicht anders erwartet. Denn wenn man nicht weiß, was man als Nächstes lesen soll, kann man zu T.C. Boyle greifen, ohne dabei etwas zu riskieren.
Das wilde Kind erzählt die Geschichte eines im ausgehenden 18. Jahrhundert ausgesetzten Kindes, das gefunden und anschließend „erzogen“ wird. T.C. Boyle versteht es, auch dieses Thema so aufzubereiten, dass man immerzu weiterlesen möchte. Es ist große Kunst, wie er es schafft, sich in das Kind hineinzuversetzen und zu beschreiben, wie es die ihm unbekannte Zivilisation nach und nach und unter größten Mühen zu akzeptieren lernt. Und es ist auch große Kunst, wie T.C. Boyle den Leser spüren lässt, wie der junge Pariser Arzt, der sich des Kindes annimmt, immer wieder an seine Grenzen stößt.
Der letzte Satz lautet übrigens: „Er war vierzig, als er starb.“
Und eigenartigerweise fühlt man sich, nachdem man diesen Satz gelesen und das Buch zugeklappt hat, recht einsam.

Also griff ich sofort zum nächsten Roman, der auf meinem Tisch lag, und das war:

  1. 2666 von Roberto Bolaño

Und nun lese ich ihn. Der Roman hat keine Kapitel, sondern fünf Teile. Im SZ-Artikel, aus dem ich im Dezembereintrag schon zitiert habe, wird 2666 als „literarisches Riesenwerk“ bzw. „literarisches Monster“ bezeichnet.
Vielleicht liegt es ja an Unendlicher Spaß, dass ich das Monsterhafte bis jetzt noch nicht wirklich herausgefiltert habe. Bolaño schreibt so, dass man ihn versteht und es trotzdem elegant klingt. Ich musste auch noch kein Fremdwort nachschlagen.
Im ersten Teil geht es um vier Literaturwissenschaftler (genauer: um einen Spanier, einen Italiener, einen Franzosen und um eine Engländerin), die auf der Suche nach dem verschollenen, deutschen (!) Schriftsteller Archimboldi sind. Es ist in höchstem Maße vergnüglich, diesen Teil, in dem viel und überall auf der Welt über Archimboldi diskutiert und in dem viel und überall auf der Welt gevögelt wird, zu lesen. Der letzte Teil heißt übrigens: Der Teil von Archimboldi
Nebenbei geht es auch um eine Mordserie. Ich lese gerade den Teil von den Verbrechen. Es ist sehr grausam (Frauen werden Brüste abgeschnitten und Brustwarzen abgebissen). Und es ist sehr grotesk (ein Kirchenschänder mit einer ungewöhnlich großen Blase uriniert ständig in irgendwelche Gotteshäuser und bringt danach auch mal einen um). Mehr kann und will ich jetzt noch nicht sagen. Ausführlicheres im nächsten Eintrag.

Und last but not least:

Ein Muss für alle David Lynch – Fans!