Lesetagebuch

März & April 2010

„So viel vorerst zu Unendlicher Spaß. Fortsetzung folgt bestimmt.“ So endete der Januar&Februar-Eintrag. Mit einer Fortsetzung könnte ich zwar dienen, aber ich tue es nicht. Erst möchte ich auch die letzte Etappe (die aus läppischen dreihundert Seiten besteht) hinter mich bringen, um dann ein abschließendes Resümee schreiben zu können.
Eher so zwischendurch habe ich drei andere Romane von Joseph Roth bzw. Christopher Isherwood und ein Sachbuch von und über Joseph Roth gelesen. Zunächst zu Joseph Roths erstem Roman

Das Spinnennetz

Das Spinnennetz ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nach dem Ersten Weltkrieg als Hauslehrer tätig ist und sich den Nationalsozialisten anschließt. Dass dieser im Jahr 1923 geschriebene Roman hin und wieder als visionär bezeichnet wird, ist, da die nationalsozialistische Welle ja eigentlich erst ab 1930 über das Land zu schwappen begann, durchaus berechtigt. Das Thema hat mich selbst übrigens derart fasziniert, dass ich vor einigen Jahren einen Roman darüber geschrieben habe (Die Traumreise).
Dennoch vermochte mich Das Spinnennetz keineswegs mitzureißen. Und dass dies so ist, liegt ausschließlich am Stil des Autors. Joseph Roth reiht mit einer Penetranz Hauptsätze aneinander, dass man irgendwann denkt, man liest einen Einkaufszettel. Diesem Stilmittel hält er auch dann die Treue, wenn es um die wirklich düsteren Ereignisse geht und der Protagonist von einem harmlosen Hauslehrer zu einem Mörder wird. Diejenigen, die er umbringt, werden ebenfalls bloß aufgelistet. Mag sein, dass ein solcher Stil seine Berechtigung hat. Denn den Nazis war die persönliche Biografie ihrer politischen Gegner unwichtig, und vielleicht war sie Joseph Roth aus demselben Grund ebenfalls unwichtig. Als Leser hatte ich dadurch allerdings stets den ermüdenden Eindruck, einen Menschen begleiten zu müssen, der mir selbst dann egal ist, wenn er andere Menschen umbringt. Er bringt ja eh nur Menschen um, die keine Seele haben und mich deshalb so gleichgültig lassen, wie es der seelenlose Protagonist von der ersten Seite an tut.
Dass Joseph Roth auch ganz anders kann, weiß ich dank der Texte in Michael Bienerts hübschen Büchlein

Joseph Roth in Berlin

Roths Reportagen bieten einen tiefen Einblick in die großstädtische Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Es findet sich vor allem Alltägliches, so dass man nach Lektüre sämtlicher Reportagen das Gefühl hat, einen Augenblick lang Teil jener vergangenen Welt geworden zu sein. Da seine Artikel gewürzt sind mit humorvollen Stilblüten voll sanfter Ironie, war die Lektüre der Artikel ein Genuss.
Nun zum Roman

 

 

 

Der Einzelgänger

von Christopher Isherwood.
Der Icherzähler des Romans ist George, ein 58 Jahre alter, schwuler Professor, der seinem kurz zuvor verstorbenen Lebensgefährten Jim nachtrauert. Man begleitet George an einem Tag, der dominiert ist von seinen Gedanken an den verstorbenen Freund. Es geht also im Grunde genommen um Einsamkeit. Ein trostloses, anstrengendes Thema. Aber Isherwood ist das erstaunliche Kunststück gelungen, trotz all der Tragik einen an vielen Stellen heiteren Roman geschrieben zu haben. So beschwert sich George zum Beispiel darüber, dass sein in unmittelbarer Nähe zum Meer gelegenes Viertel „nacheinander einer Armee Cola trinkender Fernsehfanatiker in die Hände“ gefallen sei. Und wie George über die Moral der Studenten denkt (die ohnehin alles sagen, was der Professor hören will), ist einfach herrlich, kurzweilig und erhellend zu lesen.
Schließlich lernt George einen Studenten näher kennen. Die komplette Szene, wie sich der (alte) Professor und der (junge) Student in einer verruchten Kneipe „zufällig“ treffen, trinken, dann baden und anschließend zum Professor gehen, um dort weiterzutrinken, hat mich, obwohl ich ein bekennender Hetero bin, zutiefst berührt.
Fazit: ein schöner Roman, den ich noch oft empfehlen und verschenken werde!
Erst nach Lektüre des Romans habe ich gemerkt, dass die Verfilmung gerade in die Kinos gekommen ist. Colin Firth spielt George in A single Man auf grandiose und von der Kritik auch angemessen gewürdigte Weise. Allerdings schafft der Film nicht, was Literatur zu schaffen vermag: Der Blick ins Innenleben des Protagonisten bleibt dem Betrachter trotz der darstellerischen Leistung zum großen Teil verwehrt. Kaum hatte ich die letzte Seite des Einzelgängers gelesen, besorgte ich mir Isherwoods Debüt

Good Bye, Berlin

in dem der Autor von seiner Zeit in Berlin (und auf Rügen) in den letzten Jahren der ersten deutschen Demokratie erzählt. Der Roman diente übrigens dem Musical Cabaret als Vorlage, aber alle Musicalfans seien gewarnt: Mit Cabaret hat dieser Tagebuchroman so viel zu tun wie die Winnetouverfilmungen mit den Karl May-Romanen. Die Namen und die Epoche sind identisch, aber abgesehen davon führen die Romane ein sehr eigenständiges Dasein. Einen Spannungsbogen, den es im Musical durchaus gibt, gibt es in Good Bye, Berlin nicht. Dennoch war ich geradezu süchtig nach diesem Roman.
Selten habe ich mich mit einem Protagonisten derart identifizieren können wie mit diesem Icherzähler, der der Autor selbst ist (was er im Nachwort überflüssigerweise leugnet). So träumt er an einer Stelle gemeinsam mit der Möchtegernschauspielerin Sally Bowles von „enormen Verträgen für Sally und Rekordauflagen“ für sich selbst. An einer anderen Stelle wird er gefragt, wie viele Bücher er verkauft habe, er antwortet „Fünf“, woraufhin er sich die Antwort „Das ist nicht sehr viel, nicht wahr?“ gefallen lassen muss, und später gibt er zu, dass er seine „Gedanken ja am liebsten mit vierzig Millionen Menschen teilen würde, wenn sie sie nur lesen wollten.“1 Während der Lektüre hatte ich mehrmals den Wunsch, eine Reise in jene Zeit zu machen, mich mit Christopher Isherwood in irgendeiner Bar zu treffen und mit ihm die Nacht durchzuquatschen.
Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich Schwierigkeiten hatte, diesen Roman aus der Hand zu legen. Der beobachtende Blick eines Engländers ist eine Perspektive, die dem Thema einfach gut tut. Hier schreibt kein Opfer und erst recht kein Sympathisant. Hier schreibt jemand, der als Ausländer gern in Berlin lebt, seine Augen nicht verschließt und dem auffällt, dass auf den Sandburgen (auf Rügen) mit Kiefernzapfen Hakenkreuze und der Schriftzug Heil Hitler gelegt werden. Oder der genau hinhört, wenn seine Vermieterin sich beklagt, dass ihr Sohn zu den Nazis geht und sie den Kaiser wiederhaben möchte. Die Beiläufigkeit, mit der hier vom aufkommenden Gewitter geschrieben wird, hat so rein gar nichts von zäher Betroffenheitsprosa oder akademischer Besserwisserei.
Fazit: ein noch schönerer Roman als Der Einzelgänger!

 

(1) Als mein sehr umfangreicher erster Roman in einem, was ich damals nicht wusste, kriminellen Kostenzuschussverlag im Jahr 1999 erschien, dachte und hoffte ich, dass sich mein Roman über drei Kinder, die erwachsen werden, hunderttausendfach verkaufen ließe. Ich dachte und hoffte, dass ich (und nicht Judith Herrmann und Benjamin Lebert) der neue Stern am deutschen Literaturhimmel sei. Und ich dachte und hoffte, dass ich für künftige Verträge immensen Verhandlungsspielraum hätte. Übrigens sind von meinem Roman vor Insolvenz des Verlages 136 Exemplare verkauft worden. (Dass ich alle Käufer persönlich gekannt habe, sei nur am Rande erwähnt.)