Lesetagebuch

Herbst 2010

Zunächst einige Kurzbesprechungen:

Die Brücke
von Manfred Gregor

Großartig. Wird unter der Rubrik Jugendbuch verkauft, aber das ist Käse. Für jedes Alter ab vierzehn Jahren geeignet, also auch für Vierzig- und Achtzigjährige. Selten habe ich das Gefühl gehabt, so sehr am Schicksal von jungen Menschen teilgenommen zu haben. Ich könnte mich hier lange begeistern, aber zu diesem Roman ist eh schon alles gesagt.

 

 

 

Die Eleganz des Igels
von Muriel Barberry

Eine klassische Concierge schwafelt und philosophiert bis zum Gehtnichtmehr. Selbstverständlich hat sie Kant und andere Philosophen gelesen und verstanden. Und dann gibt es noch ein auf penetrantest denkbare Art und Weise altkluges Mädchen, das ankündigt, sich umzubringen. Und man liest es nicht mit Entsetzen, sondern eher so, als hätte sie angekündigt, in die Schwimmhalle zum Seepferdchenkurs zu gehen.
Problematisch war für mich vor allem, dass in diesem Buch eine Concierge und ein Mädchen versuchen wollen, den Leser – also mich – Seite für Seite irgendwie zu belehren. Dafür war mir die ganze Angelegenheit zu ironiefrei und hat mich zu sehr an Eric Emanuel Schmitt erinnert.
Nach 80 Seiten abgebrochen.

Nun etwas ausführlicher zu

John Irvings neuem Roman
Letzte Nacht in Twisted River

Ich war mal John Irving – Fan: Witwe für ein Jahr, Garp und Owen Meany gehören zu den unterhaltsamsten Romanen, die ich überhaupt je gelesen habe. Und auch Die Geschichte vom Wassertrinker und Gottes Werk und Teufels Beitrag waren besser als vieles andere, was ich zuvor gelesen hatte. Aber dann setzte eine gewisse Sättigung ein. Die vierte Hand hat mich genervt. Und Bis ich dich finde habe ich abgebrochen. Nun habe ich, als ich bei einem Buchhändler die erste Seite von Last Night in Twisted River gelesen habe, doch wieder zugegriffen. Und aus folgenden Gründe habe ich die Lektüre nach knapp 400 Seiten abgebrochen und zugleich beschlossen, keinen weiteren Roman von John Irving zu lesen.

  1. Der Protagonist ist (wie fast immer) 1942 geboren, Schwerpunkt der Handlung ist mal wieder vor allem New Hampshire, und irgendwie hat man ziemlich schnell das Gefühl, alles schon einmal gelesen zu haben.
  2. Der Protagonist flieht wegen eines versehentlichen Tötungsdeliktes gemeinsam mit seinem Vater vor einem Polizisten, der sie später verfolgt. Ich habe mit Sicherheit nie zuvor eine Verfolgungsgeschichte gelesen, die selbst dann nicht spannender als ein Pixi-Buch ist, wenn der Verfolger ganz nah ist.
  3. Der Protagonist wird Schriftsteller und John Irving schreibt leider auch ständig „der Schriftsteller“, anstatt den Schriftsteller einfach beim Namen zu nennen. Das erinnert zum Teil stark an Sportartikelprosa (der Achtundzwanzigjährige, der Hannoveraner, der Kapitän, die Nummer zwei, usw.).
  4. Der Protagonist schreibt die Bücher in der Reihenfolge, in der sie John Irving selbst geschrieben hat. Und auch er hat wie Irving erst Erfolg mit dem vierten Roman. Und wie John Irving gibt der Protagonist Creative-Writing-Kurse und erklärt, wie man einen guten Roman schreiben muss, nämlich: wie John Irving. Und auch das Semikolon wird wieder thematisiert. Wie in Garp. Und der Sohn des Protagonisten… der wird Ringer.
  5. Von Beginn an ist es fast unerträglich, wie viele Wörter bei Irving kursiv gedruckt werden. Das ist auch keine Macke des Übersetzers, sondern eine Macke des Autors (meine Frau liest immer die englischen Ausgaben, und da ist es genauso). Zum Teil werden bis zu sieben Wörter auf einer Seite kursiv gedruckt.
  6. Abgebrochen habe ich aber erst, als es mir mit den Kochrezepten zu viel wurde. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Kochshow geguckt und habe auch nicht vor, es irgendwann zu tun. Kochrezepte… interessieren mich einfach überhaupt nicht.

FAZIT: Für mich war’s das. Der Starautor aus New Hampshire hat tolle, einfallsreiche Romane mit skurrilen aber doch sympathischen Protagonisten geschrieben. Nun fällt ihm einfach nichts mehr ein.

Um anschließend etwas Spannendes zu lesen, griff ich zu Stephen King, der ja auch von Daniel Kehlmann geschätzt wird. Und das will schon was heißen.

Sunset

sind Erzählungen, die mich leider doch eher langweilten. Oder die ein wenig banal waren. (Eine Frau zieht in ein Haus auf eine Insel und gerät in die Hände eines Irren…. na und?) Als Jugendlicher habe ich mich von Stephen King, vor allem von Es, Christine, Feuerkind und Cujo durchaus beeindrucken und auch beunruhigen lassen. Wahn und The Green Mile habe ich erst kürzlich gehört und mich vom glänzenden Vorleser (David Nathan) mitreißen lassen. Ich wunderte mich anschließend, warum Stephen King, der seine opulenten Romane ja schneller schreibt als manch ein Autor die Danksagung, so oft belächelt wird. Vor allem The Green Mile ist nicht bloß finstere Unterhaltung auf hohem Niveau, sondern ein durchaus politischer Roman.

Um sicherzugehen nicht enttäuscht zu werden, las ich einige Geschichten von

Maupassant

Ich kenne keinen anderen, der es schafft, atmosphärisch derart dicht zu schreiben und dabei weder die Handlung noch die Zeichnung der Charaktere zu vernachlässigen. Maupassant ist und bleibt eines meiner ganz großen Idole.

 

Meine ersten Eindrücke über

Bolaños 2666

habe ich bereits im Sommerlesetagbuch geschildert.
Genaugenommen handelt es sich bei diesem Roman um fünf Teile, die inhaltlich kaum miteinander verknüpft sind. Die grausamen Verbrechen bilden den Hintergrund aller Teile. Der eigentliche „Teil von den Verbrechen“ ist jedoch viel zu lang dafür, dass man die Opfer nicht kennt. Dass sich diese dreihundert Seiten (!) wie ein Protokoll lesen (was mit Sicherheit beabsichtigt ist), macht die Sache auch nicht leichter. Der fünfte Teil, der „Teil von Archimboldi“, ist eigentlich der Teil, auf den man hinliest. Denn im wunderbaren ersten Teil suchen die Literaturkritiker nach dem geheimnisvollen Schriftsteller Archimboldi. Als Leser hat man dann das Glück, das die Kritiker nicht haben: Man findet Archimboldi. Es ist ein spannender und vorzüglich geschriebener Teil, in dem es sehr viel um Geschichte, vor allem auch um deutsche Geschichte, und um das Erfinden von Geschichten geht. Schade, dass uns Bolaño ein Aufeinandertreffen der Kritiker mit dem Schriftsteller nicht gönnt.
Übrigens gibt es ein Nachwort, und in diesem Nachwort wird erklärt, warum der Roman 2066 heißt. Ich war jedoch zu dumm für die Erklärung. Ich weiß nämlich noch immer nicht, warum der Roman so heißt.
Was bleibt ist das Gefühl, einen wirklich guten Roman gelesen zu haben. Der Hype um 2666 und auch um Unendlicher Spaß (siehe Sommerlesetagebuch) ist mir allerdings ein Rätsel, das zu lösen ich durch Lektüre dieser Romane nicht vermocht habe.

Im nächsten Lesetagebuch, das die Reihe aus Lesetagebüchern abschließen wird, wird es übrigens um Jonathan Franzen und Haruki Murakami gehen. Seit dem Erscheinen von Die Korrekturen warte ich auf einen neuen Roman von Jonathan Franzen. Nun hat er ihn geschrieben. Und von Murakami habe ich so ziemlich alles gelesen. Mister Aufziehvogel habe ich nicht nur gelesen, sondern später noch einmal gehört. Sein neuer Roman hat über 1000 Seiten und ist soeben erschienen. Beide Romane haben Kritiken bekommen, von denen 99,9% aller Autoren nur träumen können. Ich bin gespannt.